Zeitschrift: Traverse : Zeitschrift für Geschichte = Revue d'histoire Herausgeber: [s.n.] Band: 27 (2020) Heft: 3: Mobilität : ein neues Konzept für eine alte Praxis = Mobilité : un nouveau concept pour décrire une pratique ancienne Artikel: Bewegte Quellen festhalten : wie wird in Zukunft auf digital verfügbare audiovisuelle Quellen verwiesen? Autor: Federer, Lucas / Mähr, Moritz DOI: https://doi.org/10.5169/seals-914091 Nutzungsbedingungen Die ETH-Bibliothek ist die Anbieterin der digitalisierten Zeitschriften auf E-Periodica. Sie besitzt keine Urheberrechte an den Zeitschriften und ist nicht verantwortlich für deren Inhalte. Die Rechte liegen in der Regel bei den Herausgebern beziehungsweise den externen Rechteinhabern. Das Veröffentlichen von Bildern in Print- und Online-Publikationen sowie auf Social Media-Kanälen oder Webseiten ist nur mit vorheriger Genehmigung der Rechteinhaber erlaubt. 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Find out more Download PDF: 15.02.2026 ETH-Bibliothek Zürich, E-Periodica, https://www.e-periodica.ch Bewegte Quellen festhalten Wie wird in Zukunft auf digital verfügbare audiovisuelle Quellen verwiesen? Lucas Federer, Moritz Mähr Für zeithistorische Untersuchungen der Schweizer Geschichte ist es in vielen Fällen äusserst gewinnbringend, auf audiovisuelle Quellen zurückzugreifen. Dabei sticht nicht nur der sensorische Reichtum der audiovisuellen Medien heraus; sie ermöglichen uns auch qualitativ einzigartige Einblicke in den massenmedial vermittelten Diskurs über weite Strecken des 20. Jahrhunderts. Politische Diskurse flimmern über die Mattscheibe Mit der flächendeckenden Verkabelung der Schweiz in den 1950er- und 60er- Jahren gewann das Femsehen an Bedeutung für den politischen Diskurs. Gerade in den Anfängen war das Femsehen eng an staatliche Strukturen geknüpft, die zum einen die Rahmenbedingungen vorgaben, zum anderen das Medium aber auch nutzten, um mit der Bevölkerung zu kommunizieren. Ab 1958 strahlte die Schweizerische Rundspruchgesellschaft (SRG) regelmässig Informationssendungen in deutscher, französischer und italienischer Sprache aus. 1960 wurde sie aufgrund der zunehmenden Bedeutung des Mediums Femsehen neben dem Radio zur Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft umbenannt. Mit der SRG-Konzession von 1964 legte der Bundesrat ein nationales Femsehmonopol und einen Informations-, Bildungs- und Unterhaltungsauftrag für die gebührenfinanzierte Institution fest. Zwei Jahrzehnte lang waren die Fernsehsender der SRG die einzige audiovisuelle Bezugsquelle politischer Information in der Schweiz. Erst mit dem Aufkommen des Satellitenfernsehens Ende der 1970er-Jahre und der Liberalisierung des Rundfunkmarktes 1983 wurde die Monopolsituation aufgehoben. Trotzdem gehören die Sender der SRG nach wie vor zu den wichtigsten Leitmedien der Schweiz und sie prägen die Meinungsbildung bis heute.1 Wenn wir uns in schriftlichen Beiträgen zur historischen Forschung auf audiovisuelle Quellen beziehen wollen, gehen wir bislang wie folgt vor. Geleitet von der bewährten Methode der dichten Beschreibung charakterisieren wir die Quelle in schriftlicher Form. Dabei sind wir gezwungen, die Quelle auf diejenigen Aspekte 159 Debatte / Débat traverse 2020/3 zu (ver)kiirzen, die für das Verständnis des Textes am relevantesten erscheinen und die sprachlich erfasst werden können. Falls wir über die Nutzungsrechte am Bild verfügen, illustrieren wir den Text mit einem Standbild. Dieses Verfahren ist defizitär. Aus praktischen Gründen wird die audiovisuelle Quelle in den allermeisten Fällen auf wenig mehr wie den gesprochenen Text heruntergebrochen und dieser wie eine schriftliche Quelle zitiert. Falls auch Ebenen wie Sprachgebrauch, Kameraführung und Schnittfolgen in die dichte Beschreibung einfliessen, so benötigt diese viel Zeit in der Herstellung und viel Platz im finalen Text. Lange deskriptive Passagen, um beispielsweise Intonation oder Sprachgebrauch in einer audiovisuellen Quelle einzufangen, fordern jedoch nicht nur die Geduld der Leserin und des Lesers heraus, sondern lassen auch zentrale Argumente in den Hintergrund rücken. Deshalb wird audiovisuellen Quellen in vielen historischen Werken eine Rolle zugewiesen, die dem Reichtum ihrer Medien nicht gerecht wird. Das ist nicht nur angesichts der Bedeutung dieser Zeitzeugnisse für die politische Meinungsbildung in der Schweiz bedauerlich. Die audiovisuelle Quelle weist über den Text hinaus Dabei wären die Voraussetzungen zum Einbezug audiovisueller Quellen in historische Publikationen mittlerweile sehr gut. Dank digitaler Findmittel und Onlinearchiven sind audiovisuelle Quellen in den letzten Jahren wesentlich leichter zugänglich geworden und könnten direkt in die Publikationen integriert werden. Damit wäre es möglich, der Mehrdimensionalität audiovisueller Quellen gerecht zu werden und diese für die historische Arbeit fruchtbar zu machen. Wir möchten das anhand eines kurzen historischen Beispiels aus unserer Forschung illustrieren. 1964 verhandelte Italien das «AusWanderungsabkommen» mit der Schweiz von 1948 neu. Da die Wirtschaft auf Fachkräfte aus Italien angewiesen war, machte der Bundesrat in den Verhandlungen Konzessionen im Bereich des Niederlassungsrechts und des Familiennachzugs. Die Gruppierung «Nationale Aktion gegen die Überfremdung von Volk und Heimat» hielt diese Konzessionen für zu weitreichend und begann daraufhin mit der Unterschriftensammlung für eine Volksinitiative zur Beschränkung der Einwanderung, die erste «Überfremdungsinitiative». Der Bundesrat war überzeugt, dass die Eolgen der Volksinitiative bei einer allfälligen Annahme der Wirtschaft schaden würden und reagierte öffentlichkeitswirksam mit Beschränkungsmassnahmen. Teil dieser Massnahmen, die am 19. Januar 1965 beschlossen worden waren, war ein Einreiseverbot für Ausländerinnen, die keine «Zusicherung der Aufenthalts- 160 be willigung» vorlegen konnten.2 Lucas Federer, Moritz Mähr: Bewegte Quellen festhalten Abb. 1: Über eine als QR-Code dargestellte URL ist die audiovisuelle Quelle mit einer Smartphone- El 1 Vi [=1 Kamera unkompliziert aufrujbar und ergänzt damit den Text. Der QR-Code wurde mittels QArt.js erstellt. H 1« jgflBLM ig E8Ü1 BUM !Y1* I v *"*;' '1 « El Uns interessiert nun vor allem, wie diese Massnahme der in- und ausländischen Bevölkerung kommuniziert wurde. Wie bereits erwähnt, verweist die Literatur zur Migrations- und Technologiegeschichte auf die Bedeutung der Massenmedien Radio und Femsehen für die 1960er-Jahre. Wir greifen deshalb auf die Videosuche von Google zurück und suchen naiv nach «Einwanderung 1965». Das erste Ergebnis führt uns zum Onlinearchiv von SRF. Das Video trägt den Titel «Stop der Spontan-Einwanderung».3 Es ist ein Ausschnitt von 7:40 Minuten Länge aus einer Sendung des Regionalmagazins «Antenne», die am 20. Januar 1965 um 19 Uhr ausgestrahlt wurde. Dem Video ist eine Beschreibung beigefügt: «Schweiz: Interview Elmar Mäder, Chef Fremdenpolizei, zu den neuen gesetzlichen Auflagen für Fremdarbeiter». Es wird auch auf eine Beschreibung des Sendeformats verwiesen.4 Wir schauen uns die Quelle an. Für unsere Fragestellung sind wir auf einen sehr interessanten Sendungsausschnitt gestossen. Über den QR-Code in Abbildung oder die URL https://srf.ch/play/tv/redirect/detail/44119ab7-4326-4e62- 1 9ec0-3df2d78a7e45 ist er direkt abrufbar. Es handelt sich um ein Interview mit Elmar Mäder, dem Direktor der eidgenössischen Fremdenpolizei. Das Interview wird von einem Moderator des Schweizer Femsehens im Büro des Direktors der Fremdenpolizei auf Schweizerdeutsch gehalten. Der Moderator befindet sich ebenfalls im Bereich der Porträteinstellung. In der Minute 5:31 gibt es einen Schnitt. Guido Solari, ein hoher Beamter der Fremdenpolizei, spricht italienisch. Er gibt eine «Gesprächszusammenfassung» für die «italienischen Zuschauer». Vom Computer aus die Vergangenheit erforschen In einem nächsten Schritt ordnen wir die Quelle ein. Um sie uns in ihren unterschiedlichen Dimensionen und ihrer historischen Einbettung zu erschliessen, greifen wir auf verschiedene digitale Findmittel zurück. Mit der Metasuch- Debatte / Débat traverse 2020/3 maschine histHub finden wir Personeneinträge der beiden Verwaltungsmitarbeiter Guido Solari und Elmar Mäder. Der Hypertext verweist auf das Historische Lexikon der Schweiz, auf die Datenbank der Elitenforschung der Universität Lausanne und auf die Sammlung Diplomatischer Dokumente. Wir folgen den Verweisen, bestellen Archivalien im Bundesarchiv Bern und Bücher über Swiss- bib. Dieser hypertextuelle Zugang erleichtert uns den hermeneutischen Prozess und ermöglicht uns in kurzer Zeit eine umfassende Quellenkritik und damit eine Bewertung der Quelle und ihres Inhalts.5 Nun können wir den Sendungsausschnitt deuten, insbesondere auch die «Zusammenfassung» für die «italienischen Zuschauer» der Sendung von Guido Solari. Er spricht direkt in die Kamera und fordert ab Minute 7:15 die in der Schweiz befindlichen Italienerinnen in einer einfach verständlichen Sprache auf, ihren Familien und Freunden die neuen Bestimmungen zu vermitteln: «[...] dite loro [vostri parenti e amici] di non entrare in Svizzera senza alcuna permesso.» Als Begründung für die neuen Bestimmungen wird auf eine nicht weiter beschriebene untragbare Situation verwiesen, die durch die «spontane Einwanderung» entstanden sei. Viele der Arbeitsmigrant*innen seien mittellos und auf Sozialhilfe angewiesen oder arbeiteten illegal. Deshalb habe der Bundesrat reagieren müssen und den Grenzübertritt und den Aufenthalt für alle Italienerinnen ohne gültige Dokumente verboten. Im Beitrag unterschlägt Guido Solari die Tatsache, dass die Mehrheit der Arbeitsmigrant*innen weder illegal arbeiteten noch Sozialhilfe bezogen. Insbesondere die besonders mobilen Saisonniers, die sich nur während ihrer kurzen Arbeitseinsätze von drei bis neun Monaten in der Schweiz aufhalten durften, waren für den ersten und zweiten Sektor zu unabdingbaren Produktionsfaktoren geworden. Die Fremdenpolizei bediente sich in ihrer Sprache beim Argumentarium der rechtsnationalen Kreise und wies die Schuld für die Konsequenzen einer exzessiven Wachstumspolitik den Ausländer* innen zu.6 Die digitale Kopie der audiovisuellen Quelle in unserem Beispiel fügt sich in ein hypertextuelles, stark von digitalen Suchmaschinen geprägtes historisches Arbeiten ein. Wenn wir nun aber in einem historischen Fachtext auf diese Quelle inhaltlich Bezug nehmen wollten, wären wir gezwungen, eine dichte Beschreibung anzufertigen und alle Informationen, die uns als relevant zur Bewertung und Interpretation der Quelle erscheinen, in schriftlicher Form vorzulegen. Denn in den Geschichtswissenschaften wird bis heute, zumeist implizit, davon ausgegangen, dass die Leserin oder der Leser keinen direkten Zugang zur Quelle hat. Die - regulative Idee der geschlossene Text - mag für Quellen, die in einem schwer zugänglichen Archiv einer öffentlichkeitsscheuen Firma lagern, durchaus berechtigt sein. Aber für digital zugängliche audiovisuelle Quellen des Staatsfemsehens 162 hat sie ihre Existenzberechtigung verloren. Analog zu den Quelleneditionen, wie Lucas Federer, Moritz Mähr: Bewegte Quellen festhalten sie vorwiegend in der Mediävistik oder der Alten Geschichte Verwendung finden, möchten wir in unserer Beschreibung und Interpretation der Quelle davon ausgehen können, dass die Leserin oder der Leser die Quelle kennt oder sich zumindest während des Lesens damit vertraut machen konnte. So können wir auf nonverbale und medienspezifische Inhalte Bezug nehmen, ohne diese zuerst vollständig in Text übersetzen zu müssen. Die Quellenbeschreibung und -analyse kann dann auf diejenigen Ausschnitte fokussieren, die wir für die Interpretation der Quelle und die Beurteilung derselben als besonders wichtig erachten.7 Nur beständige Verweise sind brauchbare Verweise Technische Lösungen zur Darstellung eines Verweises auf audiovisuelle Quellen gibt es bereits. Die URL kann in gedruckten Beiträgen als Klartext und als QR-Code enkodiert werden. In online erscheinenden Beiträgen können Verweise einfach als Links eingefügt werden. Es ist bei der obigen exemplarischen Beschreibung der historischen Arbeitsweise in Zeiten von online zugänglichen Suchmaschinen und Archivbeständen bereits klar geworden, dass heutzutage dem Nachgehen von Links und die hypertextuelle Bezugnahme zum Standardrepertoire jede*r Historikerin gehören.8 Aber selbst der QR-Code, der mittels Smartphone bequem abfotografiert und in die entsprechende URL umgewandelt werden kann, setzt voraus, dass auf etwas Beständiges verwiesen werden kann. Bei unserem historischen Beispiel hat der Verweis auf die Intemetadresse des Onlinearchivs von SRF jedoch einige gewichtige Nachteile. Der Archivkontext, der beispielsweise über die Mediendatenbanken FARO und Memobase zur Verfügung steht, fehlt auf dieser Website gänzlich. Es gibt keinerlei Garantien, dass das Video in Zukunft verfügbar gehalten wird. - Die URL kann zudem wie zuletzt beim Rebranding der SRG von 2012 ungültig - werden. Das Video wird im für ein breites Publikum konzipierten Onlinearchiv von SRF zudem mit einem aktuellen Logo versehen, während das zeitgenössische Logo verschwindet. Damit entspricht die digitale Kopie unseres Femsehbeitrags von der visuellen Komposition her nicht genau dem Original.9 Die Frage, ob wir künftig auf audiovisuelle Quellen wie auf eine Quellenedition Bezug nehmen können, betrifft in erster Linie nicht die Darstellung des Verweises, sondern seine Stabilität. Um diese langfristig garantieren zu können, müssen wir die Archive in die Pflicht nehmen. Sie müssen uns eine verlässliche Methode zur Verfügung stellen, um auf ihre online verfügbaren Inhalte Bezug nehmen zu können. Document Object Identifier (DOI) und Archival Resource Key (ARK) sind mögliche Wege, um für stabile Referenzen zu sorgen. DOI ist ein zentralis- tischer ISO-Standard analog der ISBN-Nummern, ARK werden dezentral von Debatte / Débat traverse 2020/3 den jeweiligen Institutionen vergeben. Für welche Technologie sich die Archive entscheiden, ist unerheblich, solange gewisse Garantien bezüglich der Beständigkeit der Verweise und des hinterlegten Materials gemacht werden. Mit beiden Standards lassen sich Verweise als gültige URL speichern und als QR-Codes oder im Klartext darstellen. Sie ermöglichen es uns so, direkt und nachhaltig auf audiovisuelle Quellen zu verweisen und sie den Leser*innen historischer Beiträge zugänglich zu machen. Zusammen mit den aktuellen Bemühungen verschiedener Archive, grössere Teile ihrer Archivbestände auch online verfügbar zu machen, könnte dies die Form historischer Fachtexte grundlegend verändern. Wir plädieren dafür, dass man künftig als Autor*in einer geschichtswissenschaftlichen Publikation davon ausgehen können sollte, dass die Leser*innen die zitierten Ausschnitte einer audiovisuellen Quelle während des Lesens anschauen/ anhören und man auf diese Erfahrung im weiteren Verlauf des Textes Bezug nehmen darf. Dafür müssen jedoch den Forschenden die oben umschriebenen Mittel an die Hand gegeben werden, die eine verantwortungsvolle «hypertextuelle» Bezugnahme auf audiovisuelle Quellen erlauben.10 Strukturen für die Vermittlung audiovisueller Quellen fehlen Wir hoffen, dass etablierte Gedächtnisinstitutionen mit audiovisuellen Quellenbestände in naher Zukunft stabile Verweise zur Verfügung stellen, sodass auch in vielen Jahren noch auf die referenzierten Quellen zugegriffen werden kann. Damit wäre die technische Grundlage gegeben, um die wissenschaftlichen Publikationen in den Geschichtswissenschaften den gängigen Arbeitsmethoden der Zeithistoriker*innen anzugleichen.11 Die Verantwortung der Gedächtnisinstitutionen erschöpft sich jedoch nicht darin, eine technische Infrastruktur für stabile Referenzen zur Verfügung zu stellen. Wir Forscherinnen sind (weiterhin) darauf angewiesen, dass Expertinnen aus den Archiv- und Informationswissenschaften auch bei den weniger «traditionellen» Quellengattungen eine Triage vornehmen, eine Ordnung erzeugen, Metadaten hinzufügen und die Quellen zugänglich machen. Dabei gilt es, das Verweissystem für audiovisuelle Quellen so zu stabilisieren, dass eine hypertextuelle Bezugnahme möglich wird.12 Noch offen ist, wie mit audiovisuellen Quellen aus unsicherem oder unklarem Ursprung umgegangen werden soll. So werden beispielsweise Youtube-Videos oder Beiträge auf sozialen Netzwerken zukünftig auch für die historische Forschung an Bedeutung gewinnen. Ihre langfristige Speicherung und die Herstellung stabiler Verweise sind aber bislang ungelöste Probleme. Analog der 164 WaybackMachine von Archive.org, in der über 400 Milliarden Webpages lang- Lucas Federer, Moritz Mähr: Bewegte Quellen festhalten zeitarchiviert werden, braucht es öffentlich gestützte Institutionen wie Bibliotheken und Archive, die sich der Archivierung von solchem audiovisuellen Material annehmen. Denn künftig werden Zeithistoriker*innen nicht nur mit Digitalisa- ten von analogen Archivalien historisch arbeiten, sondern auch mit digital born Quellen aus dem Internet.13 Wir Historiker*innen müssen uns mit diesem Thema befassen und mit den Archiven in einen Dialog treten. Wenn die Archive ihre audiovisuellen Bestände im Internet so zugänglich machen, dass wir uns auf beständige Verweise und umfangreiche Metadaten verlassen können, werden diese Quellen auch einem historisch interessierten Publikum vermittelt werden. Anmerkungen 1 Theo Mäusli, Andreas Steigmeier, Sarah-Haye Aziz (Hg.), Radio und Fernsehen in der Schweiz. Geschichte der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG 1958-1983, Baden 2006. Vgl. zudem Bundesamt für Kommunikation (BAKOM): Medienmonitor Schweiz, 21. 1. 2020, www.bakom.admin.ch/bakom/de/home/elektronische-medien/studien/medienmo- nitor-schweiz-2017.html (26. 3.2020). 2 André Holenstein, Patrick Kury, Kristina Schulz, Schweizer Migrationsgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Baden 2018,307-328. 3 Stop der Spontan-Einwanderung, Antenne, 7 m 40 s, Schweizer Radio und Femsehen, Bern, 20. 1. 1965, www.srf.ch/play/tv/antenne/video/stop-der-spontan-einwanderung?id=44119ab7- 4326-4e62-9ec0-3df2d78a7e45 (1.8. 2020). 4 Die intransparenten und personalisierten Suchergebnisse von Google stellen Historikerinnen nicht nur wegen der ökonomischen Interessen des Technologiekonzems vor epistemische Probleme, siehe Peter Haber, «. Phantasmagorien des historischen Allwissens im World Wide Web», in Andreas B. Kilcher et al. (Hg), Digital humanities (Nach Feierabend 9), - Zürich 2013,175-189. Vgl. dazu Google: einwanderung 1965 Google Search, Suchmaschine, Suchresultate, www.google.com/search?q=einwanderung+1965&tbm=vid (30. 3.2020); Stop der Spontan-Einwanderung, Antenne, 7 m 40 s, Schweizer Radio und Femsehen, Bern, 20.1. 1965, www.srf .ch/play/tv/antenne/video/stop-der-spontan-einwanderung?id=44119ab7-4326- 4e62-9ec0-3df2d78a7e45 (1.8.2020); SRF, Antenne, Play SRF, www.srf.ch/play/tv/sendung/ antenne?id=ee971373-9468-47c6-bc67-085fccb6fdl6 (30. 3. 2020). 5 HistHub ist eine Forschungsplattform, die verschiedene Datenquellen wie das Historische Lexikon der Schweiz, die Ortsnamen der Schweiz und andere Bestände vernetzt und zugänglich macht: histHub, 2020, https://histhub.ch (30. 3. 2020); Historisches Lexikon der Schweiz: Schweizer Geschichte, 2020, https://hls-dhs-dss.ch (30. 3. 2020); Observatoire des élites suisses: Base de données sur les Elites suisses au XXe siècle, 2020, www2.unil.ch/elitessuisses (30. 3. 2020); Diplomatische Dokumente der Schweiz: dodis.ch, 2020, www.dodis.ch (30. 3. 2020); Bundesarchiv: Online-Zugang, 2020, www.recherche.bar.admin.ch/recherche/#/de/ suche/einfach (30. 3. 2020); Swissbib: Suche, Bibliothek, Dokumentation, Archiv, 2020, www. swissbib.ch (30. 3. 2020). 6 Damir Skenderovic, Gianni D'Amato (Hg.), Mit dem Fremden politisieren. Rechtspopulistische Parteien und Migrationspolitik in der Schweiz seit den 1960er Jahren, Zürich 2008; Nelly Val- sangiacomo, «Migration in Swiss Broadcasting (1960s-1970s). Players, Policies, Representations», in Barbara Lüthi, Damir Skenderovic (Hg.), Switzerland and Migration. Historical and Current Perspectives on a Changing Landscape, Cham 2019, 123—140. 7 Zur Medialität von audiovisuellen Quellen und zu ihren Produktionsbedingungen gibt es be- 165 Debatte / Débat traverse 2020/3 reits eine reiche internationale und schweizerische Diskussion, vgl. etwa Helen Wheatley (Hg.), Re-Viewing Television History. Critical Issues in Television Historiography, London 2007; John Thornton Caldwell, Production Culture. Industrial Reflexivity and Critical Practice in Film and Television, Durham 2008; Kurt Deggeller (Hg.), L'audiovisuel. Source ou illustration?, Baden 2010; Leif Kramp, Gedächtnismaschine Fernsehen, Berlin 2011, sowie Vicki Mayer, Below the Line. Producers and Production Studies in the New Television Economy, Durham 2011. 8 Die Technologie «Quick Response Codes» (QR-Codes) ist im Standard ISO/IEC 18004:2006 beschrieben und repräsentiert arbiträren Text als genau definierte Grafik. Sie kann kostenlos genutzt werden und steht bei vielen Gedächtnisinstitutionen im Einsatz. 9 Pascal Föhr, Historische Quellenkritik im digitalen Zeitalter, Dissertation, Universität Basel, Basel 2018, https://doi.org/10.5451/unibas-006805169 (2. 1.2019). 10 Peter Haber, Digital Past. Geschichtswissenschaft im digitalen Zeitalter, München 2011 ; Ted Underwood, «Theorizing Research Practices We Forgot to Theorize Twenty Years Ago», Representations 1/127 (2014), 64-72, https://doi.org/10.1525/rep.2014.127.L64 (6. 11.2019). 11 Kiran Klaus Patel, «Zeitgeschichte im digitalen Zeitalter. Neue und alte Herausforderun¬ gen», Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 3/5 (2011), 331-351, https://doi.org/10.1524/ vfzg.2011.0019 (15.4.2020). 12 Ariette Farge, Natalie Zemon Davis, The Allure of the Archives, New Haven 2013. 13 Zum Potenzial und zu den Schwierigkeiten der Way-Back-Machine für die historische For¬ schung siehe Anat Ben-David, Adam Amram, «The Internet Archive and the socio-technical construction of historical facts», Internet Histories 1-2/2 (2018), 179-201, https://doi.org/ 10.1080/24701475.2018.1455412 (15. 4. 2020); Niels Brügger, The archived web. Doing history in the digital age, Cambridge, Massachusetts 2018; Zur Archivierung digitaler Quellen vgl. Roy Rosenzweig, «Scarcity or Abundance? Preserving the Past in a Digital Era», The American Historical Review 108/3 (2003), 735-762, https://doi.org/10.1086/529596 (15.4. 2020); Ian Milligan, History in the Age of Abundance? How the Web is Transforming Historical Research, Montreal 2019. 166