Zeitschrift: Trans : Publikationsreihe des Fachvereins der Studierenden am Departement Architektur der ETH Zürich Herausgeber: Departement Architektur der ETH Zürich Band: - (2012) Heft: 21 Artikel: Blaupause einer flexiblen Lebensform Autor: Mähr, Moritz DOI: https://doi.org/10.5169/seals-918760 Nutzungsbedingungen Die ETH-Bibliothek ist die Anbieterin der digitalisierten Zeitschriften auf E-Periodica. Sie besitzt keine Urheberrechte an den Zeitschriften und ist nicht verantwortlich für deren Inhalte. Die Rechte liegen in der Regel bei den Herausgebern beziehungsweise den externen Rechteinhabern. Das Veröffentlichen von Bildern in Print- und Online-Publikationen sowie auf Social Media-Kanälen oder Webseiten ist nur mit vorheriger Genehmigung der Rechteinhaber erlaubt. Mehr erfahren Conditions d'utilisation L'ETH Library est le fournisseur des revues numérisées. Elle ne détient aucun droit d'auteur sur les revues et n'est pas responsable de leur contenu. 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Jahrhunderts ze scheint unserem eingangs formulierten Szenario stellt die Architektur vor neue Herausforderungen. seine gesellschaftliche Brisanz zu verleihen. Denn es Das bürgerliche Ideal der Kleinfamilie erodiert scheint, als ob diese Spannung die Kategorien der wie die Sandsteinfassaden der Mehrfamilienhäuser traditionellen räumlichen Konzepte inzwischen so krass aus der Epoche des Jugendstils. Die 5-Zimmer-Woh- überfordern würde, dass wir ihr nur noch mit einer nungen bieten unserer Realität je länger desto weniger lethargisch anmutenden und in ihrer ideologischen den angemessenen Raum. Denn das Paar, das Ohnmacht verharrenden Zivilisationskritik begegnen diese Wohnung einst mit ihren beiden Kindern können. bewohnt hat, ist geschieden. Die Mutter wohnt mit ihrem neuen Mann auf einem Bauernhof am Stadtrand. Nun möchte ich jedoch nicht die Fragen erörtern, wie Der Vater lebt mit seinem Lebenspartner in diese Spannung entstanden ist oder zu deuten sei, einem Loft im ehemaligen Industrieviertel. sondern was die Architektur zu ihrer Überwindung beitragen kann. Platz hat es genug auf dem Bauernhof, aber die Musik der adoleszenten Kinder spielt in der Stadt. Bevor wir jedoch zur Frage gelangen, was die Ihre Schule, ihre Freunde, ihr Leben - alles ist dort. Architektur leisten könnte, muss ein kurzer Seitenblick auf Doch die Stadt ist ein unwirtlicher Ort für Patchwork- die faktischen Möglichkeitsbedingungen gemacht Familien und alternative Lebensformen. Ihre Struktur werden. Denn es wäre vermessen, den Tribut für die ist viel zu rigide und zu träge für das Tempo, in dem Überwindung des Status Quo von der Architektur sich unsere Vorstellung vom Leben ändert. Denn ein alleine zu fordern. Natürlich müssen zuerst die mate- -C Haushalt zerfällt nicht mehr erst nach episch riellen Räume für die freie Entfaltung der Architektur 1 N anmutenden Halbwertszeiten, sondern bereits wenn das geschaffen werden. Dabei stehen insbesondere die | jüngste Kind flügge geworden ist. Politik und die Wirtschaft in der Pflicht. Denn jeder noch so visionäre Entwurf bleibt ein Papiertiger, wenn Heute ändert sich die Konstellation im Zweijahrestakt seine Finanzierung nicht gesichert ist und die und wir versuchen, unser Leben unter den gegebenen politischen Rahmenbedingungen nicht gegeben sind. m CO räumlichen Verhältnissen in Ordnung zu bringen. Dabei sind es insbesondere die ökonomischen Sach- ° Dabei kommt dem Raum bei der Konfiguration unserer zwänge, die den Gehorsam gegenüber dem Status Lebensform eine zentrale Rolle zu. Er bildet den Quo beinahe schon implizieren: Die Banken haben Rahmen, in dem wir eine neue Ordnung herstellen keine entsprechenden Angebote zur Baufinanzierung, können. Doch leider ist dieser Rahmen für die unkonventionellen Lebensformen Rechnung Normalverdiener nur in standardisierten und abgeschlossenen tragen würden und beispielsweise eine flexible Konfektionsgrössen zu haben: von der Kollektivierung der Finanzierung erlaubten. Bausparen, Einzimmerwohnung über die «medium» Vierzimmerwohnung Hypotheken etc. sind auf statische Verhältnisse und bis hin zur «large» Fünfzimmerwohnung. langfristige Zeithorizonte ausgelegt. Umschichtungen, Ein- und Ausstieg sind nerven- und Die grenzenlosen Übergrössen, die jede noch so zeitraubenden Prozeduren, die diese Verträge mit sich avantgardistische Lebensform zulassen, bleiben den bringen und ganz nebenbei auch noch eine Stange Superreichen vorbehalten. Unsereins ordnet seine Geld kosten. Das alleine scheint mir jedoch nicht das Lebensform den räumlichen Gegebenheiten unter. zentrale Problem zu sein: Denn zum einen ist es fraglich, Aber auch diese unausweichliche Notwendigkeit ist wer seine Ersparnisse in ein Projekt investieren nicht in Stein gemeisselt und die Autorität kleinbürgerlicher möchte, dessen Bauphase unter Umständen die familiäre Konzepte gerät (zumindest in der grössten Konstellation überdauert, und zum anderen Schweizer Stadt) zunehmend ins Wanken: Nur gerade haben viele Menschen gar kein Erspartes, was die die Hälfte der Zürcher lebt noch im Familienverband, Frage nach einem Eigenheim sowieso obsolet macht. Einfamilienhäuser sterben aus und familienkompatible Deshalb braucht es auch institutionelle Ansprechpartner, Vierzimmerwohnungen entstehen vorzugsweise am die sich diesem Problem annehmen. In der Stadt nördlichen Stadtrand, der in den vergangenen zehn Zürich bieten Wohnungsbaugenossenschaften mit Jahren vermehrt von sozial benachteiligten Immigranten einem Anteil von fast 20% am Gesamtbestand besiedelt worden ist. Und genau diese Spannung überdurchschnittlich vielen Menschen Wohnraum zu der morschen, sich aber nicht auflösenden Gegensät¬ vertretbaren Konditionen, sie bleiben leider jedoch häufig immer noch im Paradigma der Kleinfamilie bezieht; insbesondere dazu, welche Lebensform sie verhaftet. Oft fehlt den Entscheidungsträgern der Mut, befördern möchte. Eine Gratwanderung, deren Grenzen neue Wege zu beschreiten, und in den sich zwischen der städteplanerischen Totalität Le Architekturwettbewerben werden Konzepte gekürt, die mit dem Corbusiers und einer allen Ansprüchen gerecht Mainstream vereinbar sind. Diese Probleme liegen auf werden wollender, multifunktionalistischen Architektur der Hand und sollen auch nicht zum Fokus der bewegen. Ist sie dazu nicht bereit, wird sie Architektur gemacht werden. Sie dürfen jedoch nicht zu weiterhin ausführendes Organ einer Klasse von einer pessimistisch-realistischen Einstellung führen, politischen Entscheidungsträgern sein, die sich zwar die sich ihrer Pflicht, die Zukunft mitzudenken, enthoben gerne von Soziologen und Pädagogen in ihren Ideen fühlt. Deshalb möchte ich wieder zur eigentlichen unterrichten lassen, deren Entscheide aber nicht Ausgangsfrage zurückkehren und eine mögliche über die Durchschnittlichkeit des Common Sense gesellschaftliche Funktion der Architektur eruieren. hinaus gehen. e Die Architektur hat die Disposition, über die Funktion Anstatt jene eierlegenden Wollmilchschweine und | eines Spiegels der Gesellschaft hinauszugehen und andere polymorphe Unwesen zu konzipieren, könnten | zukünftige Lebens- und Arbeitsformen zu erschaffen. Diese formative Sicht kontrastiert eine Sichtweise wir unserer Fantasie freien Lauf lassen und uns höchst spekulativ eine ganz konkrete Welt ausmalen, § | über die Aufgabe der Architektur, die sich darauf die den normativen Rahmen für eine ganz andere Architektur mit sich bringt: Der Privatverkehr, ein tj beschränkt, den sich ändernden sozialen Realitäten s