Bewegte Quellen festhalten

Wie wird in Zukunft auf digital verfügbare audiovisuelle Quellen verwiesen?

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Veröffentlichungsdatum

2020

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Zitierangaben

  • Autor:innen: Lucas Federer, Moritz Mähr
  • Titel: Bewegte Quellen festhalten: Wie wird in Zukunft auf digital verfügbare audiovisuelle Quellen verwiesen?
  • Zeitschrift: traverse, Band 27, Heft 3, 2020, S. 159-166
  • DOI: https://doi.org/10.5169/seals-914091

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Zeitschrift:           Traverse : Zeitschrift für Geschichte = Revue d'histoire
Herausgeber:           [s.n.]
Band:                  27 (2020)
Heft:                  3: Mobilität : ein neues Konzept für eine alte Praxis = Mobilité : un
                       nouveau concept pour décrire une pratique ancienne


Artikel:               Bewegte Quellen festhalten : wie wird in Zukunft auf digital verfügbare
                       audiovisuelle Quellen verwiesen?
Autor:                 Federer, Lucas / Mähr, Moritz
DOI:                   https://doi.org/10.5169/seals-914091




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Bewegte Quellen festhalten
Wie wird in Zukunft auf digital verfügbare audiovisuelle Quellen
verwiesen?

Lucas Federer, Moritz Mähr




Für zeithistorische Untersuchungen der Schweizer Geschichte ist es in vielen
Fällen äusserst gewinnbringend, auf audiovisuelle Quellen zurückzugreifen.
Dabei sticht nicht nur der sensorische Reichtum der audiovisuellen Medien heraus;
     sie ermöglichen uns auch qualitativ einzigartige Einblicke in den massenmedial
        vermittelten Diskurs über weite Strecken des 20. Jahrhunderts.



Politische Diskurse flimmern über die Mattscheibe

Mit der flächendeckenden Verkabelung der Schweiz in den 1950er- und 60er-
Jahren gewann das Femsehen an Bedeutung für den politischen Diskurs. Gerade
in den Anfängen war das Femsehen eng an staatliche Strukturen geknüpft, die
zum einen die Rahmenbedingungen vorgaben, zum anderen das Medium aber
auch nutzten, um mit der Bevölkerung zu kommunizieren.
Ab 1958 strahlte die Schweizerische Rundspruchgesellschaft (SRG) regelmässig
      Informationssendungen in deutscher, französischer und italienischer Sprache
aus. 1960 wurde sie aufgrund der zunehmenden Bedeutung des Mediums
Femsehen neben dem Radio zur Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft


umbenannt. Mit der SRG-Konzession von 1964 legte der Bundesrat ein nationales
      Femsehmonopol und einen Informations-, Bildungs- und Unterhaltungsauftrag
       für die gebührenfinanzierte Institution fest. Zwei Jahrzehnte lang waren die
Fernsehsender der SRG die einzige audiovisuelle Bezugsquelle politischer
Information in der Schweiz. Erst mit dem Aufkommen des Satellitenfernsehens Ende

der 1970er-Jahre und der Liberalisierung des Rundfunkmarktes 1983 wurde die
Monopolsituation aufgehoben. Trotzdem gehören die Sender der SRG nach wie
vor zu den wichtigsten Leitmedien der Schweiz und sie prägen die Meinungsbildung
         bis heute.1
Wenn wir uns in schriftlichen Beiträgen zur historischen Forschung auf audiovisuelle
          Quellen beziehen wollen, gehen wir bislang wie folgt vor. Geleitet von der
bewährten Methode der dichten Beschreibung charakterisieren wir die Quelle in
schriftlicher Form. Dabei sind wir gezwungen, die Quelle auf diejenigen Aspekte        159
      Debatte / Débat                                                        traverse 2020/3

      zu (ver)kiirzen, die für das Verständnis des Textes am relevantesten erscheinen
      und die sprachlich erfasst werden können. Falls wir über die Nutzungsrechte am
      Bild verfügen, illustrieren wir den Text mit einem Standbild.
      Dieses Verfahren ist defizitär. Aus praktischen Gründen wird die audiovisuelle
      Quelle in den allermeisten Fällen auf wenig mehr wie den gesprochenen Text
      heruntergebrochen und dieser wie eine schriftliche Quelle zitiert. Falls auch
      Ebenen wie Sprachgebrauch, Kameraführung und Schnittfolgen in die dichte
      Beschreibung einfliessen, so benötigt diese viel Zeit in der Herstellung und viel
      Platz im finalen Text. Lange deskriptive Passagen, um beispielsweise Intonation
              oder Sprachgebrauch in einer audiovisuellen Quelle einzufangen, fordern
      jedoch nicht nur die Geduld der Leserin und des Lesers heraus, sondern lassen
             auch zentrale Argumente in den Hintergrund rücken. Deshalb wird
       audiovisuellen Quellen in vielen historischen Werken eine Rolle zugewiesen, die

       dem Reichtum ihrer Medien nicht gerecht wird. Das ist nicht nur angesichts
       der Bedeutung dieser Zeitzeugnisse für die politische Meinungsbildung in der
       Schweiz bedauerlich.



      Die audiovisuelle Quelle weist über den Text hinaus

      Dabei wären die Voraussetzungen zum Einbezug audiovisueller Quellen in
      historische Publikationen mittlerweile sehr gut. Dank digitaler Findmittel und

      Onlinearchiven sind audiovisuelle Quellen in den letzten Jahren wesentlich leichter

      zugänglich geworden und könnten direkt in die Publikationen integriert werden.
      Damit wäre es möglich, der Mehrdimensionalität audiovisueller Quellen gerecht
      zu werden und diese für die historische Arbeit fruchtbar zu machen.
      Wir möchten das anhand eines kurzen historischen Beispiels aus unserer
      Forschung illustrieren. 1964 verhandelte Italien das «AusWanderungsabkommen»

      mit der Schweiz von 1948 neu. Da die Wirtschaft auf Fachkräfte aus Italien
      angewiesen war, machte der Bundesrat in den Verhandlungen Konzessionen im
      Bereich des Niederlassungsrechts und des Familiennachzugs. Die Gruppierung
      «Nationale Aktion gegen die Überfremdung von Volk und Heimat» hielt diese
      Konzessionen für zu weitreichend und begann daraufhin mit der
      Unterschriftensammlung für eine Volksinitiative zur Beschränkung der Einwanderung, die

      erste «Überfremdungsinitiative». Der Bundesrat war überzeugt, dass die Eolgen
      der Volksinitiative bei einer allfälligen Annahme der Wirtschaft schaden würden
      und reagierte öffentlichkeitswirksam mit Beschränkungsmassnahmen. Teil dieser
            Massnahmen, die am 19. Januar 1965 beschlossen worden waren, war ein
      Einreiseverbot für Ausländerinnen, die keine «Zusicherung der Aufenthalts-
160   be willigung» vorlegen konnten.2
                                 Lucas Federer, Moritz Mähr: Bewegte Quellen festhalten


Abb. 1: Über eine als QR-Code dargestellte URL
ist die audiovisuelle Quelle mit einer Smartphone-   El               1
                                                                                    Vi [=1

Kamera unkompliziert aufrujbar und ergänzt damit
den Text. Der QR-Code wurde mittels QArt.js
erstellt.

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                                                     El
Uns interessiert nun vor allem, wie diese Massnahme der in- und ausländischen
Bevölkerung kommuniziert wurde. Wie bereits erwähnt, verweist die Literatur
     zur Migrations- und Technologiegeschichte auf die Bedeutung der Massenmedien
           Radio und Femsehen für die 1960er-Jahre. Wir greifen deshalb auf die
Videosuche von Google zurück und suchen naiv nach «Einwanderung 1965».
Das erste Ergebnis führt uns zum Onlinearchiv von SRF. Das Video trägt den
Titel «Stop der Spontan-Einwanderung».3 Es ist ein Ausschnitt von 7:40 Minuten
     Länge aus einer Sendung des Regionalmagazins «Antenne», die am 20.
Januar 1965 um 19 Uhr ausgestrahlt wurde. Dem Video ist eine Beschreibung

beigefügt: «Schweiz: Interview Elmar Mäder, Chef Fremdenpolizei, zu den neuen

gesetzlichen Auflagen für Fremdarbeiter». Es wird auch auf eine Beschreibung
des Sendeformats verwiesen.4
Wir schauen uns die Quelle an. Für unsere Fragestellung sind wir auf einen
sehr interessanten Sendungsausschnitt gestossen. Über den QR-Code in Abbildung
        oder die URL https://srf.ch/play/tv/redirect/detail/44119ab7-4326-4e62-
            1


9ec0-3df2d78a7e45 ist er direkt abrufbar. Es handelt sich um ein Interview mit
Elmar Mäder, dem Direktor der eidgenössischen Fremdenpolizei. Das Interview
wird von einem Moderator des Schweizer Femsehens im Büro des Direktors der
Fremdenpolizei auf Schweizerdeutsch gehalten. Der Moderator befindet sich
ebenfalls im Bereich der Porträteinstellung. In der Minute 5:31 gibt es einen
Schnitt. Guido Solari, ein hoher Beamter der Fremdenpolizei, spricht italienisch.
Er gibt eine «Gesprächszusammenfassung» für die «italienischen Zuschauer».



Vom Computer aus die Vergangenheit erforschen

In einem nächsten Schritt ordnen wir die Quelle ein. Um sie uns in ihren
unterschiedlichen Dimensionen und ihrer historischen Einbettung zu erschliessen,

greifen wir auf verschiedene digitale Findmittel zurück. Mit der Metasuch-
      Debatte / Débat                                                      traverse 2020/3

      maschine histHub finden wir Personeneinträge der beiden Verwaltungsmitarbeiter
         Guido Solari und Elmar Mäder. Der Hypertext verweist auf das Historische
      Lexikon der Schweiz, auf die Datenbank der Elitenforschung der Universität
      Lausanne und auf die Sammlung Diplomatischer Dokumente. Wir folgen den
      Verweisen, bestellen Archivalien im Bundesarchiv Bern und Bücher über Swiss-
      bib. Dieser hypertextuelle Zugang erleichtert uns den hermeneutischen Prozess
      und ermöglicht uns in kurzer Zeit eine umfassende Quellenkritik und damit eine
      Bewertung der Quelle und ihres Inhalts.5
      Nun können wir den Sendungsausschnitt deuten, insbesondere auch die
      «Zusammenfassung» für die «italienischen Zuschauer» der Sendung von Guido Solari.

      Er spricht direkt in die Kamera und fordert ab Minute 7:15 die in der Schweiz
      befindlichen Italienerinnen in einer einfach verständlichen Sprache auf, ihren
      Familien und Freunden die neuen Bestimmungen zu vermitteln: «[...] dite loro
      [vostri parenti e amici] di non entrare in Svizzera senza alcuna permesso.»
      Als Begründung für die neuen Bestimmungen wird auf eine nicht weiter
      beschriebene untragbare Situation verwiesen, die durch die «spontane Einwanderung»
                    entstanden sei. Viele der Arbeitsmigrant*innen seien mittellos und auf
      Sozialhilfe angewiesen oder arbeiteten illegal. Deshalb habe der Bundesrat
      reagieren müssen und den Grenzübertritt und den Aufenthalt für alle Italienerinnen
               ohne gültige Dokumente verboten. Im Beitrag unterschlägt Guido Solari
      die Tatsache, dass die Mehrheit der Arbeitsmigrant*innen weder illegal arbeiteten
             noch Sozialhilfe bezogen. Insbesondere die besonders mobilen Saisonniers,
      die sich nur während ihrer kurzen Arbeitseinsätze von drei bis neun Monaten in
      der Schweiz aufhalten durften, waren für den ersten und zweiten Sektor zu
      unabdingbaren Produktionsfaktoren geworden. Die Fremdenpolizei bediente sich
      in ihrer Sprache beim Argumentarium der rechtsnationalen Kreise und wies die
      Schuld für die Konsequenzen einer exzessiven Wachstumspolitik den Ausländer*
               innen zu.6
      Die digitale Kopie der audiovisuellen Quelle in unserem Beispiel fügt sich in ein
      hypertextuelles, stark von digitalen Suchmaschinen geprägtes historisches
      Arbeiten ein. Wenn wir nun aber in einem historischen Fachtext auf diese Quelle

      inhaltlich Bezug nehmen wollten, wären wir gezwungen, eine dichte Beschreibung
      anzufertigen und alle Informationen, die uns als relevant zur Bewertung und
      Interpretation der Quelle erscheinen, in schriftlicher Form vorzulegen. Denn in den
      Geschichtswissenschaften wird bis heute, zumeist implizit, davon ausgegangen,
      dass die Leserin oder der Leser keinen direkten Zugang zur Quelle hat. Die

                   -
      regulative Idee   der geschlossene Text - mag für Quellen, die in einem schwer
      zugänglichen Archiv einer öffentlichkeitsscheuen Firma lagern, durchaus berechtigt
             sein. Aber für digital zugängliche audiovisuelle Quellen des Staatsfemsehens
162   hat sie ihre Existenzberechtigung verloren. Analog zu den Quelleneditionen, wie
                                         Lucas Federer, Moritz Mähr: Bewegte Quellen festhalten


sie vorwiegend in der Mediävistik oder der Alten Geschichte Verwendung
finden, möchten          wir in unserer Beschreibung und Interpretation der Quelle davon
ausgehen können, dass die Leserin oder der Leser die Quelle kennt oder sich
zumindest während des Lesens damit vertraut machen konnte. So können wir
auf nonverbale und medienspezifische Inhalte Bezug nehmen, ohne diese zuerst
vollständig in Text übersetzen zu müssen. Die Quellenbeschreibung und -analyse
kann dann auf diejenigen Ausschnitte fokussieren, die wir für die Interpretation
der Quelle und die Beurteilung derselben als besonders wichtig erachten.7



Nur beständige Verweise sind brauchbare Verweise

Technische Lösungen zur Darstellung eines Verweises auf audiovisuelle Quellen
     gibt es bereits. Die URL kann in gedruckten Beiträgen als Klartext und als
QR-Code enkodiert werden. In online erscheinenden Beiträgen können
Verweise einfach als Links eingefügt werden. Es ist bei der obigen exemplarischen

Beschreibung der historischen Arbeitsweise in Zeiten von online zugänglichen
Suchmaschinen und Archivbeständen bereits klar geworden, dass heutzutage
dem Nachgehen von Links und die hypertextuelle Bezugnahme zum
Standardrepertoire   jede*r Historikerin gehören.8
Aber selbst der QR-Code, der mittels Smartphone bequem abfotografiert und in
die entsprechende URL umgewandelt werden kann, setzt voraus, dass auf etwas
Beständiges verwiesen werden kann. Bei unserem historischen Beispiel hat der
Verweis auf die Intemetadresse des Onlinearchivs von SRF jedoch einige gewichtige
     Nachteile. Der Archivkontext, der beispielsweise über die Mediendatenbanken
     FARO und Memobase zur Verfügung steht, fehlt auf dieser Website gänzlich.
Es gibt keinerlei Garantien, dass das Video in Zukunft verfügbar gehalten wird.

                                -
Die URL kann zudem wie zuletzt beim Rebranding der SRG von 2012 ungültig             -
    werden. Das Video wird im für ein breites Publikum konzipierten Onlinearchiv
von SRF zudem mit einem aktuellen Logo versehen, während das zeitgenössische
Logo verschwindet. Damit entspricht die digitale Kopie unseres Femsehbeitrags
von der visuellen Komposition her nicht genau dem Original.9
Die Frage, ob wir künftig auf audiovisuelle Quellen wie auf eine Quellenedition
Bezug nehmen können, betrifft in erster Linie nicht die Darstellung des Verweises,
     sondern seine Stabilität. Um diese langfristig garantieren zu können, müssen
wir die Archive in die Pflicht nehmen. Sie müssen uns eine verlässliche Methode
zur Verfügung stellen, um auf ihre online verfügbaren Inhalte Bezug nehmen zu
können. Document Object Identifier (DOI) und Archival Resource Key (ARK)
sind mögliche Wege, um für stabile Referenzen zu sorgen. DOI ist ein zentralis-
tischer ISO-Standard analog der ISBN-Nummern, ARK werden dezentral von
      Debatte / Débat                                                       traverse 2020/3

      den jeweiligen Institutionen vergeben. Für welche Technologie sich die Archive
      entscheiden, ist unerheblich, solange gewisse Garantien bezüglich der Beständigkeit
                 der Verweise und des hinterlegten Materials gemacht werden. Mit beiden
             Standards lassen sich Verweise als gültige URL speichern und als QR-Codes
      oder im Klartext darstellen. Sie ermöglichen es uns so, direkt und nachhaltig auf
      audiovisuelle Quellen zu verweisen und sie den Leser*innen historischer
      Beiträge zugänglich zu machen. Zusammen mit den aktuellen Bemühungen

      verschiedener Archive, grössere Teile ihrer Archivbestände auch online verfügbar

      zu machen, könnte dies die Form historischer Fachtexte grundlegend verändern.
      Wir plädieren dafür, dass man künftig als Autor*in einer geschichtswissenschaftlichen
                Publikation davon ausgehen können sollte, dass die Leser*innen die
      zitierten Ausschnitte einer audiovisuellen Quelle während des Lesens anschauen/
      anhören und man auf diese Erfahrung im weiteren Verlauf des Textes Bezug
      nehmen darf. Dafür müssen jedoch den Forschenden die oben umschriebenen Mittel

            an die Hand gegeben werden, die eine verantwortungsvolle «hypertextuelle»
      Bezugnahme auf audiovisuelle Quellen erlauben.10



      Strukturen für die Vermittlung audiovisueller Quellen fehlen

      Wir hoffen, dass etablierte Gedächtnisinstitutionen mit audiovisuellen
      Quellenbestände in naher Zukunft stabile Verweise zur Verfügung stellen, sodass auch
      in vielen Jahren noch auf die referenzierten Quellen zugegriffen werden kann.
      Damit wäre die technische Grundlage gegeben, um die wissenschaftlichen
      Publikationen in den Geschichtswissenschaften den gängigen Arbeitsmethoden der
      Zeithistoriker*innen anzugleichen.11
      Die Verantwortung der Gedächtnisinstitutionen erschöpft sich jedoch nicht
      darin, eine technische Infrastruktur für stabile Referenzen zur Verfügung zu stellen.
              Wir Forscherinnen sind (weiterhin) darauf angewiesen, dass Expertinnen
      aus den Archiv- und Informationswissenschaften auch bei den weniger
      «traditionellen» Quellengattungen eine Triage vornehmen, eine Ordnung
                                                                                 erzeugen,
      Metadaten hinzufügen und die Quellen zugänglich machen. Dabei gilt es, das
      Verweissystem für audiovisuelle Quellen so zu stabilisieren, dass eine hypertextuelle
               Bezugnahme möglich wird.12
      Noch offen ist, wie mit audiovisuellen Quellen aus unsicherem oder unklarem
      Ursprung umgegangen werden soll. So werden beispielsweise Youtube-Videos
      oder Beiträge auf sozialen Netzwerken zukünftig auch für die historische
      Forschung an Bedeutung gewinnen. Ihre langfristige Speicherung und die

      Herstellung stabiler Verweise sind aber bislang ungelöste Probleme. Analog der

164   WaybackMachine von Archive.org, in der über 400 Milliarden Webpages lang-
                                      Lucas Federer, Moritz Mähr: Bewegte Quellen festhalten


zeitarchiviert werden, braucht es öffentlich gestützte Institutionen wie Bibliotheken
       und Archive, die sich der Archivierung von solchem audiovisuellen Material
annehmen. Denn künftig werden Zeithistoriker*innen nicht nur mit Digitalisa-
ten von analogen Archivalien historisch arbeiten, sondern auch mit digital born
Quellen aus dem Internet.13
Wir Historiker*innen müssen uns mit diesem Thema befassen und mit den
Archiven in einen Dialog treten. Wenn die Archive ihre audiovisuellen Bestände im

Internet so zugänglich machen, dass wir uns auf beständige Verweise und
umfangreiche Metadaten verlassen können, werden diese Quellen auch einem
historisch interessierten Publikum vermittelt werden.




Anmerkungen

 1 Theo Mäusli, Andreas Steigmeier, Sarah-Haye Aziz (Hg.), Radio und Fernsehen in der
   Schweiz. Geschichte der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG 1958-1983,
   Baden 2006. Vgl. zudem Bundesamt für Kommunikation (BAKOM): Medienmonitor Schweiz,
   21. 1. 2020, www.bakom.admin.ch/bakom/de/home/elektronische-medien/studien/medienmo-
   nitor-schweiz-2017.html (26. 3.2020).
 2 André Holenstein, Patrick Kury, Kristina Schulz, Schweizer Migrationsgeschichte. Von den
   Anfängen bis zur Gegenwart, Baden 2018,307-328.
 3 Stop der Spontan-Einwanderung, Antenne, 7 m 40 s, Schweizer Radio und Femsehen, Bern,
   20. 1. 1965, www.srf.ch/play/tv/antenne/video/stop-der-spontan-einwanderung?id=44119ab7-
   4326-4e62-9ec0-3df2d78a7e45 (1.8. 2020).
 4 Die intransparenten und personalisierten Suchergebnisse von Google stellen Historikerinnen
   nicht nur wegen der ökonomischen Interessen des Technologiekonzems vor epistemische
   Probleme, siehe Peter Haber, «. Phantasmagorien des historischen Allwissens im

   World Wide Web», in Andreas B. Kilcher et al. (Hg), Digital humanities (Nach Feierabend 9),
                                                                  -
   Zürich 2013,175-189. Vgl. dazu Google: einwanderung 1965 Google Search, Suchmaschine,
    Suchresultate, www.google.com/search?q=einwanderung+1965&tbm=vid (30. 3.2020); Stop
    der Spontan-Einwanderung, Antenne, 7 m 40 s, Schweizer Radio und Femsehen, Bern, 20.1.
    1965, www.srf .ch/play/tv/antenne/video/stop-der-spontan-einwanderung?id=44119ab7-4326-
   4e62-9ec0-3df2d78a7e45 (1.8.2020); SRF, Antenne, Play SRF, www.srf.ch/play/tv/sendung/
    antenne?id=ee971373-9468-47c6-bc67-085fccb6fdl6 (30. 3. 2020).
 5 HistHub ist eine Forschungsplattform, die verschiedene Datenquellen wie das Historische
   Lexikon der Schweiz, die Ortsnamen der Schweiz und andere Bestände vernetzt und zugänglich
           macht: histHub, 2020, https://histhub.ch (30. 3. 2020); Historisches Lexikon der Schweiz:
    Schweizer Geschichte, 2020, https://hls-dhs-dss.ch (30. 3. 2020); Observatoire des élites
    suisses: Base de données sur les Elites suisses au XXe siècle, 2020, www2.unil.ch/elitessuisses

    (30. 3. 2020); Diplomatische Dokumente der Schweiz: dodis.ch, 2020, www.dodis.ch (30. 3.
    2020); Bundesarchiv: Online-Zugang, 2020, www.recherche.bar.admin.ch/recherche/#/de/
    suche/einfach (30. 3. 2020); Swissbib: Suche, Bibliothek, Dokumentation, Archiv, 2020, www.
    swissbib.ch (30. 3. 2020).
 6 Damir Skenderovic, Gianni D'Amato (Hg.), Mit dem Fremden politisieren. Rechtspopulistische
    Parteien und Migrationspolitik in der Schweiz seit den 1960er Jahren, Zürich 2008; Nelly Val-
    sangiacomo, «Migration in Swiss Broadcasting (1960s-1970s). Players, Policies, Representations»,
              in Barbara Lüthi, Damir Skenderovic (Hg.), Switzerland and Migration. Historical and
    Current Perspectives on a Changing Landscape, Cham 2019, 123—140.
 7 Zur Medialität von audiovisuellen Quellen und zu ihren Produktionsbedingungen gibt es be-           165
      Debatte / Débat                                                                     traverse 2020/3

         reits eine reiche internationale und schweizerische Diskussion, vgl. etwa Helen Wheatley
         (Hg.), Re-Viewing Television History. Critical Issues in Television Historiography, London
         2007; John Thornton Caldwell, Production Culture. Industrial Reflexivity and Critical Practice
         in Film and Television, Durham 2008; Kurt Deggeller (Hg.), L'audiovisuel. Source ou
         illustration?, Baden 2010; Leif Kramp, Gedächtnismaschine Fernsehen, Berlin 2011, sowie Vicki

         Mayer, Below the Line. Producers and Production Studies in the New Television Economy,
         Durham 2011.
       8 Die Technologie «Quick Response Codes» (QR-Codes) ist im Standard ISO/IEC 18004:2006
         beschrieben und repräsentiert arbiträren Text als genau definierte Grafik. Sie kann kostenlos
         genutzt werden und steht bei vielen Gedächtnisinstitutionen im Einsatz.

       9 Pascal Föhr, Historische Quellenkritik im digitalen Zeitalter, Dissertation, Universität Basel,
         Basel 2018, https://doi.org/10.5451/unibas-006805169 (2. 1.2019).
      10 Peter Haber, Digital Past. Geschichtswissenschaft im digitalen Zeitalter, München 2011 ; Ted
         Underwood, «Theorizing Research Practices We Forgot to Theorize Twenty Years Ago»,
           Representations 1/127 (2014), 64-72, https://doi.org/10.1525/rep.2014.127.L64 (6. 11.2019).
      11   Kiran Klaus Patel, «Zeitgeschichte im digitalen Zeitalter. Neue und alte Herausforderun¬
           gen», Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 3/5 (2011), 331-351, https://doi.org/10.1524/
           vfzg.2011.0019 (15.4.2020).
      12   Ariette Farge, Natalie Zemon Davis, The Allure of the Archives, New Haven 2013.
      13   Zum Potenzial und zu den Schwierigkeiten der Way-Back-Machine für die historische For¬
           schung siehe Anat Ben-David, Adam Amram, «The Internet Archive and the socio-technical
           construction of historical facts», Internet Histories 1-2/2 (2018), 179-201, https://doi.org/
           10.1080/24701475.2018.1455412 (15. 4. 2020); Niels Brügger, The archived web. Doing
           history in the digital age, Cambridge, Massachusetts 2018; Zur Archivierung digitaler Quellen

                  vgl. Roy Rosenzweig, «Scarcity or Abundance? Preserving the Past in a Digital Era», The
           American Historical Review 108/3 (2003), 735-762, https://doi.org/10.1086/529596 (15.4.
           2020); Ian Milligan, History in the Age of Abundance? How the Web is Transforming Historical
                 Research, Montreal 2019.




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