Blaupause einer flexiblen Lebensform

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September 2012

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Zeitschrift: Trans : Publikationsreihe des Fachvereins der Studierenden am Departement Architektur der ETH Zürich Herausgeber: Departement Architektur der ETH Zürich Band: - (2012) Heft: 21

Artikel: Blaupause einer flexiblen Lebensform Autor: Mähr, Moritz DOI: https://doi.org/10.5169/seals-918760

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ETH-Bibliothek Zürich, E-Periodica, https://www.e-periodica.ch BLAUPAUSE EINER FLEXIBLEN LEBENSFORM Der Pluralismus der Lebensformen des 21. Jahrhunderts ze scheint unserem eingangs formulierten Szenario stellt die Architektur vor neue Herausforderungen. seine gesellschaftliche Brisanz zu verleihen. Denn es Das bürgerliche Ideal der Kleinfamilie erodiert scheint, als ob diese Spannung die Kategorien der wie die Sandsteinfassaden der Mehrfamilienhäuser traditionellen räumlichen Konzepte inzwischen so krass aus der Epoche des Jugendstils. Die 5-Zimmer-Woh- überfordern würde, dass wir ihr nur noch mit einer nungen bieten unserer Realität je länger desto weniger lethargisch anmutenden und in ihrer ideologischen den angemessenen Raum. Denn das Paar, das Ohnmacht verharrenden Zivilisationskritik begegnen diese Wohnung einst mit ihren beiden Kindern können. bewohnt hat, ist geschieden. Die Mutter wohnt mit ihrem neuen Mann auf einem Bauernhof am Stadtrand. Nun möchte ich jedoch nicht die Fragen erörtern, wie Der Vater lebt mit seinem Lebenspartner in diese Spannung entstanden ist oder zu deuten sei, einem Loft im ehemaligen Industrieviertel. sondern was die Architektur zu ihrer Überwindung beitragen kann. Platz hat es genug auf dem Bauernhof, aber die Musik der adoleszenten Kinder spielt in der Stadt. Bevor wir jedoch zur Frage gelangen, was die Ihre Schule, ihre Freunde, ihr Leben - alles ist dort. Architektur leisten könnte, muss ein kurzer Seitenblick auf Doch die Stadt ist ein unwirtlicher Ort für Patchwork- die faktischen Möglichkeitsbedingungen gemacht Familien und alternative Lebensformen. Ihre Struktur werden. Denn es wäre vermessen, den Tribut für die ist viel zu rigide und zu träge für das Tempo, in dem Überwindung des Status Quo von der Architektur sich unsere Vorstellung vom Leben ändert. Denn ein alleine zu fordern. Natürlich müssen zuerst die mate- -C

Haushalt zerfällt nicht mehr erst nach episch riellen Räume für die freie Entfaltung der Architektur 1 N anmutenden Halbwertszeiten, sondern bereits wenn das geschaffen werden. Dabei stehen insbesondere die | jüngste Kind flügge geworden ist. Politik und die Wirtschaft in der Pflicht. Denn jeder noch so visionäre Entwurf bleibt ein Papiertiger, wenn Heute ändert sich die Konstellation im Zweijahrestakt seine Finanzierung nicht gesichert ist und die und wir versuchen, unser Leben unter den gegebenen politischen Rahmenbedingungen nicht gegeben sind. m CO

   räumlichen Verhältnissen in Ordnung zu bringen.          Dabei sind es insbesondere die ökonomischen Sach-             °

Dabei kommt dem Raum bei der Konfiguration unserer zwänge, die den Gehorsam gegenüber dem Status Lebensform eine zentrale Rolle zu. Er bildet den Quo beinahe schon implizieren: Die Banken haben Rahmen, in dem wir eine neue Ordnung herstellen keine entsprechenden Angebote zur Baufinanzierung, können. Doch leider ist dieser Rahmen für die unkonventionellen Lebensformen Rechnung Normalverdiener nur in standardisierten und abgeschlossenen tragen würden und beispielsweise eine flexible Konfektionsgrössen zu haben: von der <sma!l> Kollektivierung der Finanzierung erlaubten. Bausparen, Einzimmerwohnung über die «medium» Vierzimmerwohnung Hypotheken etc. sind auf statische Verhältnisse und bis hin zur «large» Fünfzimmerwohnung. langfristige Zeithorizonte ausgelegt.

                                                            Umschichtungen, Ein- und Ausstieg sind nerven- und

Die grenzenlosen Übergrössen, die jede noch so zeitraubenden Prozeduren, die diese Verträge mit sich avantgardistische Lebensform zulassen, bleiben den bringen und ganz nebenbei auch noch eine Stange Superreichen vorbehalten. Unsereins ordnet seine Geld kosten. Das alleine scheint mir jedoch nicht das Lebensform den räumlichen Gegebenheiten unter. zentrale Problem zu sein: Denn zum einen ist es fraglich, Aber auch diese unausweichliche Notwendigkeit ist wer seine Ersparnisse in ein Projekt investieren nicht in Stein gemeisselt und die Autorität kleinbürgerlicher möchte, dessen Bauphase unter Umständen die familiäre Konzepte gerät (zumindest in der grössten Konstellation überdauert, und zum anderen Schweizer Stadt) zunehmend ins Wanken: Nur gerade haben viele Menschen gar kein Erspartes, was die die Hälfte der Zürcher lebt noch im Familienverband, Frage nach einem Eigenheim sowieso obsolet macht. Einfamilienhäuser sterben aus und familienkompatible Deshalb braucht es auch institutionelle Ansprechpartner, Vierzimmerwohnungen entstehen vorzugsweise am die sich diesem Problem annehmen. In der Stadt nördlichen Stadtrand, der in den vergangenen zehn Zürich bieten Wohnungsbaugenossenschaften mit Jahren vermehrt von sozial benachteiligten Immigranten einem Anteil von fast 20% am Gesamtbestand besiedelt worden ist. Und genau diese Spannung überdurchschnittlich vielen Menschen Wohnraum zu der morschen, sich aber nicht auflösenden Gegensät¬ vertretbaren Konditionen, sie bleiben leider jedoch häufig immer noch im Paradigma der Kleinfamilie bezieht; insbesondere dazu, welche Lebensform sie verhaftet. Oft fehlt den Entscheidungsträgern der Mut, befördern möchte. Eine Gratwanderung, deren Grenzen neue Wege zu beschreiten, und in den sich zwischen der städteplanerischen Totalität Le Architekturwettbewerben werden Konzepte gekürt, die mit dem Corbusiers und einer allen Ansprüchen gerecht Mainstream vereinbar sind. Diese Probleme liegen auf werden wollender, multifunktionalistischen Architektur der Hand und sollen auch nicht zum Fokus der bewegen. Ist sie dazu nicht bereit, wird sie Architektur gemacht werden. Sie dürfen jedoch nicht zu weiterhin ausführendes Organ einer Klasse von einer pessimistisch-realistischen Einstellung führen, politischen Entscheidungsträgern sein, die sich zwar

  die sich ihrer Pflicht, die Zukunft mitzudenken, enthoben     gerne von Soziologen und Pädagogen in ihren Ideen
          fühlt. Deshalb möchte ich wieder zur eigentlichen     unterrichten lassen, deren Entscheide aber nicht
  Ausgangsfrage zurückkehren und eine mögliche                  über die Durchschnittlichkeit des Common Sense
  gesellschaftliche Funktion der Architektur eruieren.          hinaus gehen.

e Die Architektur hat die Disposition, über die Funktion Anstatt jene eierlegenden Wollmilchschweine und | eines Spiegels der Gesellschaft hinauszugehen und andere polymorphe Unwesen zu konzipieren, könnten | zukünftige Lebens- und Arbeitsformen zu erschaffen. Diese formative Sicht kontrastiert eine Sichtweise wir unserer Fantasie freien Lauf lassen und uns höchst spekulativ eine ganz konkrete Welt ausmalen, §

    über die Aufgabe der Architektur, die sich darauf die den normativen Rahmen für eine ganz andere Architektur mit sich bringt: Der Privatverkehr, ein

tj beschränkt, den sich ändernden sozialen Realitäten s <D mit den Mitteln einer massenpsychologisch bewuss- Relikt des 20. Jahrhunderts, ist verboten worden - er | ten Ästhetik einen Raum zu geben. Zudem lässt sie ist zu umweltschädlich, zu protzig. Auf Fahrrädern, | m Platz für Betrachtungen auf der Ebene der zwischen- die allen und gleichzeitig niemandem gehören, menschlichen sozialen Praxis. Die Architektur düsen wir von einem Projekt zum anderen. Unsere erweckt viel zu oft den Eindruck, sich gesellschaftlichen Projekte sind zum Sinnbild des Lebens geworden Problemen nur noch aus der Vogelperspektive und wir unterscheiden nicht mehr zwischen Arbeit o CT) nähern zu wollen. Mit viel Elan werden Schlagworte und Freizeit. Unser Wissen bieten wir auf virtuellen ° wie Klimawandel, Energiewende, Uberbevölkerung Plattformen an. Es ist dabei gleichgültig, ob es von und Zersiedelung auf die Agenda des Diskurses multinational Companies, NGOs oder dem Government gesetzt. Dabei besteht die Welt nicht nur aus ihren höchstpersönlich in Anspruch genommen wird. Aggregatseffekten, sondern aus Individuen, die vor dem Hintergrund ihrer lebensweltlichen Situation die Heute arbeiten wir hier, morgen dort. Einmal fühlt es «besten» Entscheidungen fällen müssen - oftmals sich nach Stress an, das nächste Mal nach Spass. unter dem bereits beschriebenen restringierenden Das bedingungslose Grundeinkommen nimmt uns finanziellen Druck. dabei unsere Existenzängste. Niemand kümmert sich mehr ums Bruttoinlandprodukt, denn das Bruttonati- Wenn man sich dieser Tatsache bewusst wird, onalglück ist zum Gradmesser unserer Wirtschaft erkennt man, welch unkalkulierbares Potenzial ein geworden. Urban Farming ist kein schöngeistiges solcher Perspektivenwechsel birgt: Was wäre, wenn Hobby mehr, sondern ein wichtiger Bestandteil unseres die Architektur das Kinderkriegen vom Leben im Lebens. Biologische Abfälle werden zusammen Familienverband abkoppeln könnte? Würde die Frage mit Sonnenlicht und Erdwärme als elektrische Energie des Kinderkriegens immer noch so oft hinsichtlich in ein Mega-Grid aus Kleinstkraftwerken und ihrer finanziellen Konsequenzen entschieden? Was Batterien geleitet und versorgen uns mit Strom. Auch

  wäre, wenn die Architektur das Konzept der                    die Elternabende in der Schule haben sich verändert.
  Allmende aus ihrer bäuerlichen Verzauberung in die            Anstatt der Mutter und dem Vater sitzt eine sippen-
  Gegenwart der Wissensgesellschaft transferieren               hafte Gruppe vor der Lehrperson. Alle fühlen sie sich
  könnte? Würden wir alle nur noch in Coworking                 für dieses Kind verantwortlich und das nicht in einem
  Spaces arbeiten?                                              biologischen Sinne. Auch die älteren unter uns. Sie
                                                                verbringen ihre letzten Jahre nicht mehr in
  Damit sind nur einige spekulative Beispiele benannt,          halbgeschlossenen Anstalten, ihre Reintegration in die

  die sich aus diesem Perspektivenwechsel ergeben               Gesellschaft und ihre Aufgabe bei der Erziehung der
  könnten. Voraussetzung dafür ist aber, dass die               Kinder bewahrt sie vor einer verordneten geistigen
  Architektur zu sehr konkreten Dingen Stellung                 Umnachtung.

Unsere Gesellschaft gehört wieder uns. Kleinere politische Einheiten haben unsere Identität und unser Verantwortungsbewusstsein gestärkt, der Überhang an negativen Freiheitsrechten wurde durch die Übernahme positiver Rechte kompensiert. Wissen ist das

Wirtschaftsgut, von welchem wir nicht genug bekommen können. Im Gegensatz zu materiellen Dingen herrscht keine Rivalität im Konsum und es kann niemand davon ausgeschlossen werden. Wir untermauern

   das noch, indem wir die Urheberrechte durch

innovationsfördernde Creative Commons ersetzten und die Welt der Ideen wieder zu einem Gemeinplatz gemacht haben. Wir sind Teil eines Netzwerks. Unser Wissen bildet die Schnittstelle zwischen den physischen Knoten und dem Geist, der sich in diesen

virtuellen Strömen manifestiert.

So utopisch sich diese Welt auch anhören mag, sie ist eine der möglichen Welten, in der wir uns zukünftig befinden werden. Sie ist der Ort unserer Wünsche und Vorstellungen, die nicht nur unsere Träume, sondern auch unser berufliches und politisches Leben

anleiten sollten. Deshalb ist es wichtig, eine (oder mehrere) Utopien zu haben, und dieses normative Gefüge in seine Arbeit einfliessen zu lassen:

Neue Räume entstehen auf Trampelpfaden und nicht auf Autobahnen.

                                                      Moritz Mähr, geb. ig8y

                                                      studierte Ökonomie und Philosophie
                                                            an der Universität Zürich und
                                                      der HU Berlin. 2008 Gründung des
                                                      Vereins Kernreaktor. Seit 2011
                                                      Masterstudium Geschichte und Philosophie
                                                            des Wissens an der ETH Zürich.
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